Autismus-Diagnose und Schullaufbahn

Recht auf Bildung Individuelle Förderung Autismus

Schullaufbahn bei Autismus

Das Kind hat eine Autismus-Spektrum-Störung (= ASS; ICD-10, F 84.0 Frühkindlicher Autis­mus) mit einer expressiven Sprachentwicklungsstörung (ICD-10, F 80.1) und einer ADHS (ICD-10, F 90 einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung). Was bedeutet das für die Schullaufbahn dieses Kindes?

Autismus ist eine komplexe und vielschichtige neurologische Entwicklungsstörung, die zu den Stö­rungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung gehört. Sie wirkt sich auf die Entwick­lung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltensreper­toires aus. Die kogniti­ven Systeme, die unser Verhalten im gemeinsamen Raum gewährleis­ten, funktionieren bei Men­schen mit ASS anders und zwar unabhängig vom individuellen kognitiven Potenzial. Diese Form der Wahrnehmung kann auch Vorteile bei der Erkennung von Mustern haben:

Die Menschen im Autismus-Spektrum in der experimentellen Gruppe erkannten im Durch­schnitt simultan mehr Striche innerhalb von 250 Millisekunden als die neurotypischen Men­schen in der Vergleichsgruppe. Die Unterschiede sind hoch signifikant. (A.Zimpel, 2022, S. 60)

Vier Kriterien sind maßgeblich für die andere Wahrnehmung:

  1. die Reizfilterschwäche, die mit einer Über- oder Unterempfindlichkeit von Sinneswahrneh­mungen einhergehen kann (Geräusche, Licht, Gerüche, usw.);
  2. die „Theory of Mind“ ist bei Menschen mit ASS nicht ausgeprägt. Die Fähigkeit zu wissen, dass man selbst fühlt, oder auch die Fähigkeit sich in andere Menschen hineinzuversetzen ist eingeschränkt. Gefühle, Absichten, Gedanken von anderen werden nicht verstanden;
  3. die zentrale Kohärenz, d.h. Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen und sie in sinnvolle Zusammenhänge einzubetten, fehlt. Die Wahrnehmung von Menschen mit ASS erfolgt in Details, nicht in sinnvollen Zusammenhängen. Aufmerksamkeit richtet sich auf Einzelheiten und bleibt dort hängen;
  4. die exekutiven Funktionen sind eingeschränkt: Menschen mit ASS können nur schwer eine Handlung planen, strukturieren, automatisieren. Die Planung und Automatisierung von mehrschrittigen Handlungsabläufen sowie ein flexibler Umgang mit Veränderungen sind kaum möglich. Autismus geht oft einher mit weiteren Einschränkungen wie z.B. mit einer Sprachent­wicklungsstörung und einer mangelnden Aufmerksamkeitsspanne bzw. einem sprunghaften, in­teressengeleiteten Aufmerksamkeitsverhalten sowie Schwierigkeiten in der Grob- und Feinmotorik.

Das Kind zeigt im Übergang von der Kita zur Schule meist Fortschritte, benötigt jedoch weiterhin individuelle Hil­festellungen, um sich im Unterricht zurechtzufinden. Es kann sich aktuell nicht über längere Zeit­räume hinweg konzentrieren, hat Schwierigkeiten, Zusammenhänge zu erkennen, und benötigt zu­sätzliche Erklärungen sowie eine ruhige Arbeitsumgebung. Das Einhalten von Regeln in der „nor­malen“ Welt und der Umgang mit emotionalen Anforderungen bereiten ihm Probleme.

Autismus und die Folgen fürs Lernen

Autistische Schüler sind häufig sehr empfänglich für sensorische Reize. Laute Geräusche, visuelle Ablenkungen oder hektische Umgebungen können das Kind stark belasten. Diese Überstimulation kann zu einem sogenannten Meltdown führen – einem intensiven, schmerzhaften emotionalen Zu­stand, der von außen oft als unkontrollierter Gefühlsausbruch (Schreien, Beleidigungen, Wutausbrü­che) wahrgenommen wird. Alternativ kann ein Kind mit ASS in einen Shutdown verfallen, bei dem er sich extrem von seiner Umgebung zurückzieht und kaum noch auf äußere Reize reagiert („Ein­frieren“). Beide Zustände sollten nach Möglichkeit vermieden werden, da sie für die Betroffenen immer sehr belastend sind und negative körperliche sowie psychische Folgen haben können.

Oft zeigen autistische Schüler diese Reaktionen nicht sofort im schulischen Umfeld, sondern erst, wenn sie in eine sichere Umgebung zurückkehren. Sie möchten sich im Unterricht anpassen und verbergen ihre Überforderung durch Masking. Dieses sozial angepasste Verhalten mag auf den er­sten Blick positiv er­scheinen, kann jedoch langfristig zu Stress und Erschöpfung (bis hin zur De­pression!) führen, da es das Nervensystem stark beansprucht. Es kann für Lehrkräfte also nicht das vorrangige Ziel sein, beim Kind ein angepasstes Verhalten herbeizuführen. Es ist wichtig, im Unter­richt gezielte Rückzugsmöglichkeiten zu bieten. Ein ruhiger Arbeitsplatz abseits von Lärm und vi­suellen Ablenkungen, regelmäßige Pausen oder sogar ein eigener Rückzugsraum können helfen, sensorische und emotionale Überlastungen zu vermeiden.

Menschen mit Autismus profitieren von klaren und übersichtlich strukturierten Aufgaben. Komplexe Anweisungen sollten in kleinere, leicht verständliche Schritte unterteilt werden. Visuali­sierungen oder zusätzliche Erklärungen können ebenfalls helfen, Verständnisprobleme zu ver­ringern. Positive Verstärkung und klare, einfühlsame Kommunikation sind entscheidend. Das Kind be­nötigt kontinuierliche Unterstützung, um emotionale Herausforderungen zu bewältigen. Das Er­kennen seiner Fortschritte und regelmäßiges Lob können ihm helfen, seine Frustrationstoleranz zu ver­bessern und eine positive Einstellung zum Lernen zu entwickeln.

Außerdem ist es nötig zu erklären, WARUM eine Aufgabe wichtig ist und gemacht wer­den muss. Dies lässt sich mit der Theory of Mind begründen. Sie bezeichnet die Fähigkeit, die Ge­danken, Ge­fühle, Absichten und Perspektiven anderer Menschen zu verstehen und vorherzusa­gen. Neurodiver­se Personen sind nicht gut oder gar nicht in der Lage, sich in eine andere Person hineinzuversetzen und zu erkennen, dass diese möglicherweise andere Überzeugungen oder Emotionen hat als man selbst. Diese Fähigkeit entwickelt sich normalerweise in der frühen Kindheit und ist entscheidend für soziale Interaktionen und Empathie. Bei Menschen mit Autismus führt die andere Wahrnehmung zu Schwierigkeiten, die Absichten und Emotionen anderer richtig zu interpretieren. Dies spielt auch eine Rolle bei sozialen Konflikten sowie bei der Integration in die Gruppe. Um die sozia­len Fähig­keiten eines Kindes mit Autismus zu fördern, können angeleitete Gruppenarbeiten oder Rollen­spiele, bei denen klare Regeln und Rollen vorgegeben sind, hilfreich sein. Dabei sollte jedoch dar­auf geachtet wer­den, dass es emotional nicht überfordert wird.

Autismus ist „kein Systemfehler, sondern ein anderes Betriebssystem“

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten in der Schule, die dem Kind helfen können, sich besser auf den Unterricht einzulassen und seine emotionalen und sozialen Kompetenzen fördern. Es wird ihm sehr viel leichter fallen, Lerninhalte zu erfassen, wenn es in einem Lernumfeld arbeitet, in dem es sich verstanden und gesehen fühlt. Eine regelmäßige Überprüfung der Maßnahmen ist gewünscht, um sicherzustellen, dass sie seinem aktuellen Entwicklungsstand und seinen Bedürfnissen weiterhin gerecht werden (s. Förderplanung).

Die typischen Probleme, die sich aus den Besonderheiten der kognitiven Verarbeitung (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Analyse und Verknüpfung von Informatio­nen) ergeben, können das Lernen und Handeln gravierend erschweren. Ein effektiver päda­gogischer Ansatz muss um diese Schwierigkeiten wissen und ihnen durch kompensie­rende Maßnahmen entgegenwirken. (Anne Häußler, TEACCH)

Bei Autismus ist immer zu berücksichtigen, dass Lernprozesse, die Einsicht in die Anwendung von Lerntechniken, schlussfolgerndes Denken etc. anders funktioniert und dies nicht automatisch mit ei­ner Einschränkung der Intelligenz zusammenhängt.

IQ-Werte sind kein gutes Maß für die Funktionsfähigkeit bei Autismus

Eine verlässliche und standardisierte Intelli­genztestung ist selten möglich Die standardisier­ten IQ-Tests sind auf die Hirn­funktionen und den Umgang mit neurotypischen Menschen ausgelegt: Die intellektuellen Einbußen von Autisten erscheinen häufig gravierend – doch liegt das womöglich auch daran, dass wir sie immer noch zu oft mit ungeeigneten Maßstä­ben messen. (Laurent Mottron, Spektrum 2013)

Kind mit Autismus lässt sich bei Einschulung oft nicht einem Intelligenztest unterziehen. Aus infor­mellen Verfahren gibt es relevante Hin­weise und Anzeichen, dass es bewusst denkend handelt, sozi­al und kulturell lernfähig ist und selb­ständig eigene Schlussfolgerungen zieht und daher die Intelli­genz nicht im Bereich der geistigen Behinderung anzusiedeln ist.

Da autistische Menschen naturgemäß erhebliche Kommunikationsprobleme haben können, sind viele von ihnen nicht mit einem Intelligenztest testbar, so dass über ihre „wahre Intelli­genz keine Aussagen gemacht werden können. In der Fachwelt gibt es derzeit Bestrebungen, die bisher vorgenommenen Kategorien autistischer Störungen aufzugeben. Autismus tritt oft zusammen mit einer hyperkinetischen Symptomatik auf. (Dr. Arne Schmidt, Kinder- und Ju­gendpsychiater Herdecke)

Unabhängig vom Test ist der IQ möglicherweise nicht der beste Indikator für die Fähigkeit einer Person mit Autismus, sich in der realen Welt zurechtzufinden. Das Leistungsniveau ei­ner Person kann stärker durch komorbide psychische Gesundheitsprobleme beeinflusst wer­den als durch den IQ. (Deborah Ruda­cille, The Transmitter, Studien zu den Neurowissen­schaften, 6. Januar 2011)

In einer kanadischen Studie beobachtet Peter Szatmari, Leiter der Abteilung für Kinderpsychiatrie und Verhaltensneurowissenschaften an der McMaster University in Ontario, eine erstaunliche Varia­bilität sowohl der Sprachfähigkeiten als auch des Verhaltens: „Es gibt so viele Veränderungen, dass die IQ-Tests die Vielfalt der Kinder nicht erfassen können.“ Er kommt zu dem Schluss, dass sogar im sehr begrenzten Bereich der akademischen Leistungen der IQ mögli­cherweise weniger relevant ist als gemeinhin angenommen.

Die Ergebnisse der Intelligenztestung bei Menschen mit ASS variieren zudem stark, je nachdem wie sie gemessen wird. Mottron verglich in seiner Studie autistische und nicht-autistische Kinder mit demselben IQ. Die Ergebnisse der Kinder mit Autismus variierten stark, und zwar abhängig vom je­weiligen standardisierten Test. Der Raven-Test misst z.B. eine im Vergleich zum Wechsler-Test um 30 Perzentile höhere Intelligenz. Das ist der Unterschied zwischen einer leichten Intelligenzbehin­derung und normaler Intelligenz oder derjenigen zwischen normaler Intelligenz und Hochbegabung. Wir können also davon ausgehen, dass autistische Kinder systematisch unterschätzt werden – zu­sätzlich zu den Barrieren, die die auf neurotypische Kinder zugeschnittenen IQ-Tests für diese Kin­der aufweisen.

Wenn die bisherigen medizinischen Gutachten und Stellungnahmen bzgl. einer möglichen kogniti­ver Einschränkung beim Kind bisher keine Aussagen treffen, ist demnach eine geistige Behinderung zunächst nicht festgestellt. Auch die Sonderpädagogik, die mit standardisierten Intelligenztests hier zu oft fragwürdigen Ergebnissen kommt (falls sich das Kind überhaupt testen lässt!), kann eine geistige Behinderung auf dieser Basis nicht gesichert feststellen. Den neueren wissenschaftlichen Studien zufolge ist zudem die Art und Ausprägung der Autismus-Spektrum-Störung deutlich rele­vanter als die Feststellung des IQ-Wertes. Nur eine geziel­te Förderung mit direktem Bezug zu den autistischen Merkmalen, Sprach- und Konzentrationsför­derung etc. kann Lernfortschritte beim Kind erzielen. Hier obliegt der Sonderpädagogik eine hohe Verantwortung, das Kind nicht vorschnell als geistig behindert zu deklarieren und damit auf den untersten Bildungsgang (GE) zu begrenzen, der für die weitere Bildungskarriere die Perspektiven deutlich einschränkt.

ANHANG – Weiterführende Literatur/Hilfsmittel/Unterstützung:

Arbeitshilfen Autismus und Schule, Stand Oktober 2024, https://bbz.hamburg.de/arbeitshilfen-autismus/

Autismus: Begabte Sonderlinge, Laurent Mottron in: Spektrum- Psychologie-Hirnforschung, 7.2.2013 https://www.spektrum.de/news/begabte-sonderlinge/1183333

Autismus (Themenheft Inklusion 2, Bezirksregierung Düsseldorf, NRW Oktober 2023), https://www.brd.nrw.de/document/20240123_4_41F_Schuluebergreifend_Inklusion_Themenheft2.pdf

Autismus-Kultur (Monika Müller, Böblingen) https://autismus-kultur.de/autismus-mythen/

Ellas Blog: Das Autismus-Spektrum: Aufklärung – Kurse – Forum, Stand Oktober 2024,

https://ellasblog.de/wie-man-wutanfaelle-und-meltdowns-auseinander-haelt/

Britta Hornbach, Praxishandbuch Autismus: Konkrete Strukturierungshilfen zur Förderung von Schülern im Au­tismus-Spektrum, Hamburg 2017.

Antje Tuckermann / Anne Häußler / Eva Lausmann, Praxis TEACCH: Herausforderung Regelschule – Unter­stützungsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen im lernzielgleichen Un­terricht, 2023

Unterstützungsmöglichkeiten in der Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen, http://www.beratung-autismus.de/pdf/F%F6rderliche_Strategien_im_Umgang_mit_Kindern_mit_Autismus_2_.pdf

White Unicorn: Verein zur Entwicklung eines autistenfreundlichen Umfeldes e.V., Stand Oktober, 2024 https://www.white-unicorn.org/

André Zimpel, Neurodiversität – anders, aber völlig richtig im Kopf, Vorlesung Mai 2023, https://www.uni-hamburg.de/wissen-fuer-alle/vorlesung-fuer-alle/videos/andre-zimpel.html

André Frank Zimpel/Alfred Christoph Röhm, Trisomie 21 und Autismus-Spektrum-Störung. In: KIDS aktuell 46 (2022), S. 59 – 63.