Schullaufbahn bei Autismus
Das Kind hat eine Autismus-Spektrum-Störung (= ASS; ICD-10, F 84.0 Frühkindlicher Autismus) mit einer expressiven Sprachentwicklungsstörung (ICD-10, F 80.1) und einer ADHS (ICD-10, F 90 einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung). Was bedeutet das für die Schullaufbahn dieses Kindes?
Autismus ist eine komplexe und vielschichtige neurologische Entwicklungsstörung, die zu den Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung gehört. Sie wirkt sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltensrepertoires aus. Die kognitiven Systeme, die unser Verhalten im gemeinsamen Raum gewährleisten, funktionieren bei Menschen mit ASS anders und zwar unabhängig vom individuellen kognitiven Potenzial. Diese Form der Wahrnehmung kann auch Vorteile bei der Erkennung von Mustern haben:
Die Menschen im Autismus-Spektrum in der experimentellen Gruppe erkannten im Durchschnitt simultan mehr Striche innerhalb von 250 Millisekunden als die neurotypischen Menschen in der Vergleichsgruppe. Die Unterschiede sind hoch signifikant. (A.Zimpel, 2022, S. 60)
Das Kind zeigt im Übergang von der Kita zur Schule meist Fortschritte, benötigt jedoch weiterhin individuelle Hilfestellungen, um sich im Unterricht zurechtzufinden. Es kann sich aktuell nicht über längere Zeiträume hinweg konzentrieren, hat Schwierigkeiten, Zusammenhänge zu erkennen, und benötigt zusätzliche Erklärungen sowie eine ruhige Arbeitsumgebung. Das Einhalten von Regeln in der „normalen“ Welt und der Umgang mit emotionalen Anforderungen bereiten ihm Probleme.
Autistische Schüler sind häufig sehr empfänglich für sensorische Reize. Laute Geräusche, visuelle Ablenkungen oder hektische Umgebungen können das Kind stark belasten. Diese Überstimulation kann zu einem sogenannten Meltdown führen – einem intensiven, schmerzhaften emotionalen Zustand, der von außen oft als unkontrollierter Gefühlsausbruch (Schreien, Beleidigungen, Wutausbrüche) wahrgenommen wird. Alternativ kann ein Kind mit ASS in einen Shutdown verfallen, bei dem er sich extrem von seiner Umgebung zurückzieht und kaum noch auf äußere Reize reagiert („Einfrieren“). Beide Zustände sollten nach Möglichkeit vermieden werden, da sie für die Betroffenen immer sehr belastend sind und negative körperliche sowie psychische Folgen haben können.
Oft zeigen autistische Schüler diese Reaktionen nicht sofort im schulischen Umfeld, sondern erst, wenn sie in eine sichere Umgebung zurückkehren. Sie möchten sich im Unterricht anpassen und verbergen ihre Überforderung durch Masking. Dieses sozial angepasste Verhalten mag auf den ersten Blick positiv erscheinen, kann jedoch langfristig zu Stress und Erschöpfung (bis hin zur Depression!) führen, da es das Nervensystem stark beansprucht. Es kann für Lehrkräfte also nicht das vorrangige Ziel sein, beim Kind ein angepasstes Verhalten herbeizuführen. Es ist wichtig, im Unterricht gezielte Rückzugsmöglichkeiten zu bieten. Ein ruhiger Arbeitsplatz abseits von Lärm und visuellen Ablenkungen, regelmäßige Pausen oder sogar ein eigener Rückzugsraum können helfen, sensorische und emotionale Überlastungen zu vermeiden.
Menschen mit Autismus profitieren von klaren und übersichtlich strukturierten Aufgaben. Komplexe Anweisungen sollten in kleinere, leicht verständliche Schritte unterteilt werden. Visualisierungen oder zusätzliche Erklärungen können ebenfalls helfen, Verständnisprobleme zu verringern. Positive Verstärkung und klare, einfühlsame Kommunikation sind entscheidend. Das Kind benötigt kontinuierliche Unterstützung, um emotionale Herausforderungen zu bewältigen. Das Erkennen seiner Fortschritte und regelmäßiges Lob können ihm helfen, seine Frustrationstoleranz zu verbessern und eine positive Einstellung zum Lernen zu entwickeln.
Außerdem ist es nötig zu erklären, WARUM eine Aufgabe wichtig ist und gemacht werden muss. Dies lässt sich mit der Theory of Mind begründen. Sie bezeichnet die Fähigkeit, die Gedanken, Gefühle, Absichten und Perspektiven anderer Menschen zu verstehen und vorherzusagen. Neurodiverse Personen sind nicht gut oder gar nicht in der Lage, sich in eine andere Person hineinzuversetzen und zu erkennen, dass diese möglicherweise andere Überzeugungen oder Emotionen hat als man selbst. Diese Fähigkeit entwickelt sich normalerweise in der frühen Kindheit und ist entscheidend für soziale Interaktionen und Empathie. Bei Menschen mit Autismus führt die andere Wahrnehmung zu Schwierigkeiten, die Absichten und Emotionen anderer richtig zu interpretieren. Dies spielt auch eine Rolle bei sozialen Konflikten sowie bei der Integration in die Gruppe. Um die sozialen Fähigkeiten eines Kindes mit Autismus zu fördern, können angeleitete Gruppenarbeiten oder Rollenspiele, bei denen klare Regeln und Rollen vorgegeben sind, hilfreich sein. Dabei sollte jedoch darauf geachtet werden, dass es emotional nicht überfordert wird.
Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten in der Schule, die dem Kind helfen können, sich besser auf den Unterricht einzulassen und seine emotionalen und sozialen Kompetenzen fördern. Es wird ihm sehr viel leichter fallen, Lerninhalte zu erfassen, wenn es in einem Lernumfeld arbeitet, in dem es sich verstanden und gesehen fühlt. Eine regelmäßige Überprüfung der Maßnahmen ist gewünscht, um sicherzustellen, dass sie seinem aktuellen Entwicklungsstand und seinen Bedürfnissen weiterhin gerecht werden (s. Förderplanung).
Die typischen Probleme, die sich aus den Besonderheiten der kognitiven Verarbeitung (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Analyse und Verknüpfung von Informationen) ergeben, können das Lernen und Handeln gravierend erschweren. Ein effektiver pädagogischer Ansatz muss um diese Schwierigkeiten wissen und ihnen durch kompensierende Maßnahmen entgegenwirken. (Anne Häußler, TEACCH)
Bei Autismus ist immer zu berücksichtigen, dass Lernprozesse, die Einsicht in die Anwendung von Lerntechniken, schlussfolgerndes Denken etc. anders funktioniert und dies nicht automatisch mit einer Einschränkung der Intelligenz zusammenhängt.
Eine verlässliche und standardisierte Intelligenztestung ist selten möglich Die standardisierten IQ-Tests sind auf die Hirnfunktionen und den Umgang mit neurotypischen Menschen ausgelegt: Die intellektuellen Einbußen von Autisten erscheinen häufig gravierend – doch liegt das womöglich auch daran, dass wir sie immer noch zu oft mit ungeeigneten Maßstäben messen. (Laurent Mottron, Spektrum 2013)
Kind mit Autismus lässt sich bei Einschulung oft nicht einem Intelligenztest unterziehen. Aus informellen Verfahren gibt es relevante Hinweise und Anzeichen, dass es bewusst denkend handelt, sozial und kulturell lernfähig ist und selbständig eigene Schlussfolgerungen zieht und daher die Intelligenz nicht im Bereich der geistigen Behinderung anzusiedeln ist.
Da autistische Menschen naturgemäß erhebliche Kommunikationsprobleme haben können, sind viele von ihnen nicht mit einem Intelligenztest testbar, so dass über ihre „wahre Intelligenz keine Aussagen gemacht werden können. In der Fachwelt gibt es derzeit Bestrebungen, die bisher vorgenommenen Kategorien autistischer Störungen aufzugeben. Autismus tritt oft zusammen mit einer hyperkinetischen Symptomatik auf. (Dr. Arne Schmidt, Kinder- und Jugendpsychiater Herdecke)
Unabhängig vom Test ist der IQ möglicherweise nicht der beste Indikator für die Fähigkeit einer Person mit Autismus, sich in der realen Welt zurechtzufinden. Das Leistungsniveau einer Person kann stärker durch komorbide psychische Gesundheitsprobleme beeinflusst werden als durch den IQ. (Deborah Rudacille, The Transmitter, Studien zu den Neurowissenschaften, 6. Januar 2011)
In einer kanadischen Studie beobachtet Peter Szatmari, Leiter der Abteilung für Kinderpsychiatrie und Verhaltensneurowissenschaften an der McMaster University in Ontario, eine erstaunliche Variabilität sowohl der Sprachfähigkeiten als auch des Verhaltens: „Es gibt so viele Veränderungen, dass die IQ-Tests die Vielfalt der Kinder nicht erfassen können.“ Er kommt zu dem Schluss, dass sogar im sehr begrenzten Bereich der akademischen Leistungen der IQ möglicherweise weniger relevant ist als gemeinhin angenommen.
Die Ergebnisse der Intelligenztestung bei Menschen mit ASS variieren zudem stark, je nachdem wie sie gemessen wird. Mottron verglich in seiner Studie autistische und nicht-autistische Kinder mit demselben IQ. Die Ergebnisse der Kinder mit Autismus variierten stark, und zwar abhängig vom jeweiligen standardisierten Test. Der Raven-Test misst z.B. eine im Vergleich zum Wechsler-Test um 30 Perzentile höhere Intelligenz. Das ist der Unterschied zwischen einer leichten Intelligenzbehinderung und normaler Intelligenz oder derjenigen zwischen normaler Intelligenz und Hochbegabung. Wir können also davon ausgehen, dass autistische Kinder systematisch unterschätzt werden – zusätzlich zu den Barrieren, die die auf neurotypische Kinder zugeschnittenen IQ-Tests für diese Kinder aufweisen.
Wenn die bisherigen medizinischen Gutachten und Stellungnahmen bzgl. einer möglichen kognitiver Einschränkung beim Kind bisher keine Aussagen treffen, ist demnach eine geistige Behinderung zunächst nicht festgestellt. Auch die Sonderpädagogik, die mit standardisierten Intelligenztests hier zu oft fragwürdigen Ergebnissen kommt (falls sich das Kind überhaupt testen lässt!), kann eine geistige Behinderung auf dieser Basis nicht gesichert feststellen. Den neueren wissenschaftlichen Studien zufolge ist zudem die Art und Ausprägung der Autismus-Spektrum-Störung deutlich relevanter als die Feststellung des IQ-Wertes. Nur eine gezielte Förderung mit direktem Bezug zu den autistischen Merkmalen, Sprach- und Konzentrationsförderung etc. kann Lernfortschritte beim Kind erzielen. Hier obliegt der Sonderpädagogik eine hohe Verantwortung, das Kind nicht vorschnell als geistig behindert zu deklarieren und damit auf den untersten Bildungsgang (GE) zu begrenzen, der für die weitere Bildungskarriere die Perspektiven deutlich einschränkt.
Arbeitshilfen Autismus und Schule, Stand Oktober 2024, https://bbz.hamburg.de/arbeitshilfen-autismus/
Autismus: Begabte Sonderlinge, Laurent Mottron in: Spektrum- Psychologie-Hirnforschung, 7.2.2013 https://www.spektrum.de/news/begabte-sonderlinge/1183333
Autismus (Themenheft Inklusion 2, Bezirksregierung Düsseldorf, NRW Oktober 2023), https://www.brd.nrw.de/document/20240123_4_41F_Schuluebergreifend_Inklusion_Themenheft2.pdf
Autismus-Kultur (Monika Müller, Böblingen) https://autismus-kultur.de/autismus-mythen/
Ellas Blog: Das Autismus-Spektrum: Aufklärung – Kurse – Forum, Stand Oktober 2024,
https://ellasblog.de/wie-man-wutanfaelle-und-meltdowns-auseinander-haelt/
Britta Hornbach, Praxishandbuch Autismus: Konkrete Strukturierungshilfen zur Förderung von Schülern im Autismus-Spektrum, Hamburg 2017.
Antje Tuckermann / Anne Häußler / Eva Lausmann, Praxis TEACCH: Herausforderung Regelschule – Unterstützungsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen im lernzielgleichen Unterricht, 2023
Unterstützungsmöglichkeiten in der Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen, http://www.beratung-autismus.de/pdf/F%F6rderliche_Strategien_im_Umgang_mit_Kindern_mit_Autismus_2_.pdf
White Unicorn: Verein zur Entwicklung eines autistenfreundlichen Umfeldes e.V., Stand Oktober, 2024 https://www.white-unicorn.org/
André Zimpel, Neurodiversität – anders, aber völlig richtig im Kopf, Vorlesung Mai 2023, https://www.uni-hamburg.de/wissen-fuer-alle/vorlesung-fuer-alle/videos/andre-zimpel.html
André Frank Zimpel/Alfred Christoph Röhm, Trisomie 21 und Autismus-Spektrum-Störung. In: KIDS aktuell 46 (2022), S. 59 – 63.