Der Übergang von der Kindertagesstätte in die Schule stellt für viele Kinder eine bedeutende Entwicklungsphase dar. Für Kinder im Autismus-Spektrum kann dieser Übergang jedoch eine besonders große Herausforderung darstellen, da er häufig mit Veränderungen von Routinen, Bezugspersonen, räumlichen Strukturen und sozialen Anforderungen verbunden ist. Eine gelingende Übergangsgestaltung erfordert daher eine frühzeitige, individuelle und multiprofessionelle Planung.
Grundsätzlich gilt:
Übergänge sind Regulationsaufgaben des Kindes und seines Umfelds – keine Erziehungsfragen.
Die Verantwortung für eine gelingende Anpassung liegt somit nicht ausschließlich beim Kind, sondern bei allen beteiligten Systemen (Familie, Kita, Schule, Therapie).
Ein zentraler Grundsatz lautet
„Kennst du ein Kind mit Autismus, kennst du EIN Kind mit Autismus.“
Jedes Kind im Autismus-Spektrum zeigt individuelle Bedürfnisse, Interessen, Wahrnehmungsweisen und Unterstützungsbedarfe. Entsprechend muss auch die Übergangsgestaltung individuell angepasst werden.
Für eine erfolgreiche Gestaltung des Übergangs ist es wichtig, dass alle relevanten Informationen über das Kind gesammelt und zwischen den Beteiligten transparent ausgetauscht werden (Eltern, pädagogische Fachkräfte der Kita, zukünftige Lehrkräfte, Therapeut:innen, Schulbegleitung).
Folgende Aspekte sollten gemeinsam reflektiert werden:
Welche Situationen oder Maßnahmen haben sich in der Vergangenheit als hilfreich erwiesen?
Welche Strategien haben eher zu Überforderung oder Stress geführt?
Welche Übergänge innerhalb des Kita-Alltags waren besonders schwierig oder gelungen?
Gibt es besondere Interessen, Spezialinteressen oder bevorzugte Themen des Kindes?
Können diese Interessen genutzt werden, um Motivation und Sicherheit im Schulkontext aufzubauen?
Wo liegen die individuellen Stärken des Kindes (z. B. Gedächtnis, Detailwahrnehmung, Fachinteressen, Kreativität)?
Welche Kompetenzen können im Schulalltag unterstützend genutzt werden?
Über welche Kanäle kommuniziert das Kind bevorzugt (verbal, visuell, Gestik, unterstützte Kommunikation)?
Wie zeigt das Kind Bedürfnisse, Stress oder Überforderung?
Welche Verhaltensweisen treten im Familien- oder Gruppenalltag auf?
Gibt es sensorische Besonderheiten (Geräuschempfindlichkeit, Licht, Berührung etc.)?
Mögliche Hinweise können sein:
Rückzug
Verweigerung
motorische Unruhe
Meltdowns
starke Fixierung auf bestimmte Aktivitäten
Bereits identifizierte Bedarfe können beispielsweise sein:
strukturierende Hilfsmittel
visuelle Zeitpläne
Pausenräume
Schulbegleitung
therapeutische Unterstützung
Ein klarer Handlungsplan sollte festgelegt werden:
Wie wird bei Überforderung reagiert?
Wer ist Ansprechpartner?
Welche Strategien helfen dem Kind, sich zu regulieren?
Eine zentrale Voraussetzung für einen gelingenden Übergang ist die frühzeitige und strukturierte Vorbereitung des Kindes.
Vorhersehbarkeit und Planbarkeit schaffen Sicherheit, reduzieren Unsicherheit und unterstützen die Selbstregulation des Kindes.
Übergänge sind Veränderungen innerhalb des Alltags. Für autistische Kinder können diese Veränderungen besonders belastend sein, da sie häufig mit dem Verlust von:
vertrauten Routinen
bekannten Räumen
stabilen Bezugspersonen
festen Strukturen
verbunden sind.
Daher müssen neue Sicherheitsanker und Routinen schrittweise aufgebaut werden.
Der Übergang sollte frühzeitig angekündigt und immer wieder thematisiert werden. Hilfreich sind:
Gespräche über Schule
Bilderbücher oder Fotobücher zur Schule
visuelle Zeitlinien („Noch 3 Monate bis zur Schule“)
Viele autistische Kinder profitieren von visuellen Hilfen:
Tages- und Wochenpläne
Ablaufpläne für den Schulmorgen
Fotos der Schule
Piktogramme
Eine schrittweise Annäherung kann Ängste reduzieren:
Besuch der Schule außerhalb des Unterrichts
Kennenlernen des Klassenraums
Erkundung des Schulhofs
Treffen mit der Klassenleitung
Kennenlernen der Schulmaterialien
Der zukünftige Schulweg kann gemeinsam geübt werden, um Orientierung und Sicherheit zu fördern.
Das Kind sollte – soweit möglich – aktiv beteiligt werden:
Auswahl des Schulranzens
Mitgestaltung des Arbeitsplatzes
Mitbestimmung bei Unterstützungsmaßnahmen
Die Vorbereitung kann über Medien erfolgen, die das Kind gerne nutzt:
Fotos
Videos
Geschichten
Social Stories
Rollenspiele
Die Einschulung ist oft mit vielen Fragen und Gefühlen verbunden. Es ist wichtig, diese ernst zu nehmen.
Mögliche Fragen des Kindes können sein:
Wie sieht meine Schule aus?
Wer ist meine Lehrerin/mein Lehrer?
Wo kann ich Pause machen?
Was passiert, wenn ich etwas nicht verstehe?
Neben Vorfreude können auch auftreten:
Angst vor Neuem
Widerstand
Rückzug
Verweigerung
Diese Reaktionen sind keine Verhaltensprobleme, sondern Ausdruck von Unsicherheit oder Überforderung.
Eine gelingende Übergangsgestaltung erfordert eine enge Kooperation zwischen allen Beteiligten:
Eltern
Kita
Schule
Schulpsychologischer Dienst
Therapeut:innen
ggf. Schulbegleitung
Frühförderstellen
Wichtige Instrumente sind:
Übergabegespräche
gemeinsame Förderplanung
Hospitationen
Austausch über Unterstützungsstrategien
Das zentrale Ziel ist nicht eine möglichst schnelle Anpassung des Kindes an schulische Anforderungen, sondern:
Sicherheit
Selbstwirksamkeit
Stressreduktion
Teilhabe am schulischen Alltag
Ein gut gestalteter Übergang kann entscheidend dazu beitragen, dass das Kind die Schule als sicheren und positiven Lernort erlebt.
Esma Raouafi-Pala/Judith Hack, Februar 2026