Das Hessische Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen streicht für seine Schüler*innen an den Integrierten Gesamtschulen die Chancen
Die seitens des Bildungsministeriums beschlossenen Kürzungen der allgemeinen Lehrkräfte-Stellen an integrierten Gesamtschulen zur binnendifferenzierenden Förderung schwächen genau die Ressourcen, aus denen präventive und inklusionsbezogene Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung bisher finanziert wurden, und gefährden damit Reichweite und Qualität dieser Förderung deutlich.
Was konkret gekürzt wird
In Hessen werden an integrierten Gesamtschulen Zuweisungen für Binnendifferenzierung gestrichen, aus denen bislang u.a. Förderangebote, zusätzliche Lernzeiten, Team-Teaching und präventive Unterstützung finanziert wurden.
Je nach Jahrgang fallen bis zu 2,1 Lehrkräftewochenstunden pro Klasse weg; Schulen rechnen mit dem Verlust von ein bis mehr als drei Lehrkräftestellen, was viele pädagogische Förderangebote direkt trifft.
Vorbeugende Maßnahmen der allgemeinen Schule umfassen individualisierte und binnendifferenzierende Arbeitsformen, Einzelförderung, Nachteilsausgleich, Beratung und zusätzliche Stütz- und Fördermaßnahmen. Diese Maßnahmen sollen möglichst früh ansetzen, damit Schwierigkeiten abgefedert und sonderpädagogische Förderbedarfe reduziert bzw. eine Beschulung an Förderschulen vermieden werden können.
Wenn weniger Lehrkräftestunden für Binnendifferenzierung und Förderangebote zur Verfügung stehen, werden individualisierte Lernformen, Kleingruppenförderung und zusätzliche Lernzeiten reduziert oder ganz gestrichen.
Team-Teaching von Regelschullehrkraft und Förderschullehrkraft, das für inklusiven Unterricht zentral ist, wird organisatorisch schwieriger, da die allgemeine Lehrkraft kaum noch Entlastungsstunden für gemeinsame Planung und parallele Förderung hat.
Die vorbeugende Unterstützung für Schüler*innen mit (noch) nicht festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf wird eingeschränkt, weil Lehrkräfte weniger Zeit für Diagnose, Förderplanarbeit und Beratung haben.
Frühzeitige vorbeugende Maßnahmen wirken langfristig, mindern Auswirkungen von Behinderungen und unterstützen den Bildungsweg bis zum angestrebten Abschluss; wenn sie abgeschwächt werden, steigt das Risiko, dass Lernrückstände größer werden und Abschlüsse gefährdet sind.
Da vorbeugende Maßnahmen ausdrücklich Aufgabe der allgemeinen Schule sind, geraten Schulen bei sinkenden personellen Ressourcen schneller an die Grenze des Zumutbaren (§ 54 HSchG Ressourcenvorbehalt), was auch zu mehr Verweisungen auf Förderschulen oder Ablehnungen inklusiver Beschulung führen kann.
Fachleute und Schulleitungsverbände warnen, dass Kürzungen bei individueller Förderung besonders diejenigen treffen, die auf zusätzliche Unterstützung angewiesen sind, und damit Bildungsgerechtigkeit und Inklusion in Frage stellen.
Lehrkräfte haben weniger Zeit zur Erstellung von differenziertem Material,
Die Umsetzung des Nachteilsausgleichs ist erschwert
Es bleibt nicht ausreichende Zeit für begleitende Gespräche mit Eltern und außerschulischen Diensten, womit die Qualität der vorbeugenden Arbeit im inklusiven Setting geschwächt wird.
In den ohnehin heterogenen Klassen können die Lehrkräfte ohne den ursprünglich vorgesehenen Personalausgleich den Unterstützungsbedarf von Kindern mit Behinderung nicht mehr ausgleichen. Die betroffenen Schüler*innen müssen „mitlaufen“, statt die notwendige systematische Förderung zu erhalten.
Das hessische Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen gefährdet damit den individuellen Rechtsanspruch auf Bildung, wie er in den Grundprinzipien im Schulrecht (§§1-3 HSchG) festgelegt ist.
Wir fordern umgehend die Garantie der notwendigen Personalressource im bewährten System der Integrierten Gesamtschule zur Sicherstellung der individuellen Förderung.
Wir fordern die Landesregierung auf, endlich einen Maßnahmen- und Zeitplan zur Verbesserung des Zugangs zu Bildung vorzunehmen. In der laufenden Legislaturperiode hat Hessen nur wenige Fortschritte bei Digitalisierung und Ganztag erreicht, erhebliche strukturelle Defizite bestehen insbesondere durch den Personalmangel weiterhin und werden nun zusätzlich verschärft.
Dr. Dorothea Terpitz